An diesem Donnerstagvormittag ist das kleine Wartezimmer im Beratungshaus der Caritas in Offenbach voll besetzt. Eine junge Mutter mit Baby im Maxi-Cosi, eine hektisch wirkende ältere Dame, einige Männer und Frauen mittleren Alters. Sie alle sind gekommen, um die kostenlose Formularhilfe der Caritas in Anspruch zu nehmen, die von ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Caritashaus St. Josef angeboten wird.
Formulare bestimmen unser Leben – online oder als Papier

Denn ganz gleich, ob es um Aufenthaltstitel, Bürgergeld, Elterngeld oder einen Wohnberechtigungsschein geht – der Zugang zu wichtigen Dingen der Existenzsicherung beginnt häufig mit dem Ausfüllen eines Formulars. Entweder online – oder ganz klassisch auf Papier. Was für manche Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich ist, stellt für andere Menschen eine fast unüberwindbare Hürde dar. Die Gründe sind vielfältig: Oft liegt es an Sprachbarrieren oder mangelnden Kenntnissen im Umgang mit digitalen Medien.
Seit rund 15 Jahren nimmt sich eine kleine Gruppe Freiwilliger im Caritashaus regelmäßig drei bis fünf Stunden pro Woche Zeit, um Hilfesuchenden einen Weg durch den Formulardschungel zu weisen. An diesem Vormittag kümmern sich vier Ehrenamtliche in Einzelgesprächen um die Formularanliegen.
Als Ehrenamtlicher Zeit spenden, Würde schenken, Sinn erfahren
Stephan Koch ist einer von ihnen. Der Rentner übernimmt seit drei Jahren diese Aufgabe. „Es macht mir Freude, den Menschen zu helfen“, sagt er. Er selbst schaue auf ein erfülltes Arbeits- und Familienleben zurück, wofür er sehr dankbar sei. Auf diesem Weg möchte er der Gesellschaft etwas zurückgeben. Er bezeichnet es als Win-Win-Situation: Als ehemaliger Bankangestellter kenne er sich mit Formularen gut aus, könne sein berufliches Wissen zum Wohle anderer einsetzen. Er wiederum schätze die Einbindung in die Caritasarbeit, die guten Gespräche mit den Mitarbeitenden. Auch Ehrenamtsfeste würden gefeiert.

An diesem Tag unterstützt er eine pakistanische Frau beim Ausfüllen eines Formulars. Es geht um die Verlängerung des Aufenthaltstitels für deren jugendlichen Sohn. Mit der Frau kann er sich, langsam sprechend, auf Deutsch gut verständigen. Die Klientin ist bestens vorbereitet, die meisten benötigten Dokumente, etwa Wohn- und Arbeitsnachweise, hat sie bereits zusammengestellt. Das Ausfüllen des Formulars übernimmt der Caritas-Ehrenamtliche, stellt Fragen, macht Kreuzchen an entsprechenden Stellen. Mit einer kleinen To-Do-Liste verabschiedet er die Frau. „In Fällen wo Ratsuchende nicht so gut Deutsch sprechen, kommen häufig deren Kinder als Simultanübersetzer mit“, berichtet er.
Auch die nächste Klientin, eine ältere Ukrainerin, spricht gut Deutsch. Sie möchte einen Antrag auf Bürgergeld stellen. Schnell türmen sich Papierstapel auf dem Beratungstisch. Auch diese Klientin hat Vorarbeit geleistet und etliche Nachweise mitgebracht, teilweise das Formular schon ausgefüllt. Ihre Tochter, eine Studentin, habe ihr geholfen. Diesmal wird aber viel mehr benötigt – die geforderten Anlagen zum Antrag sind umfangreich. Während Koch die Formularzeilen systematisch abarbeitet und ergänzend ausfüllt, erzählt die Klientin, nervös und aufgewühlt, von familiären Problemen: Geldsorgen, Arbeitsbemühungen, nicht reagierenden Behörden und dem Ukrainekrieg. „Ohne Caritas-Formularhilfe – ich wäre obdachlos“, sagt sie. Mit sortierten Dokumenten, dem ausgefüllten Formular und Infos, was noch zu tun ist, verlässt sie die Beratung. Sie muss ins Krankenhaus, wo ein Familienmitglied auf ihren Besuch wartet.
Caritas-Mitarbeiter Holger Senft, der die Formularhilfe koordiniert, erklärt: Nicht selten hätten Ratsuchenden mit persönlichen Lebensumständen zu kämpfen, die von existenziellen Sorgen bestimmt werden. Dazu gehören Arbeitslosigkeit, drohender Wohnungsverlust, Krankheit und familiäre Probleme. Das kann zu Überforderung und Verzweiflung führen.
Mit viel Herz, Geduld und einem offenen Ohr die Ratsuchenden unterstützen
Einen Stock höher empfängt Formularhelferin Irene Kosanke, eine weitere Ehrenamtliche, die junge Frau mit Baby. Der in Trennung lebenden, alleinerziehenden Mutter fällt es nicht leicht, ihre komplizierte Lebenssituation zu erklären, fast kommen ihr die Tränen. Sie möchte Elterngeld beantragen, hat aber Probleme bei der Beschaffung eines wichtigen Dokuments. Die Formularhelferin füllt den Antrag soweit wie möglich aus, erklärt, welche nächsten Schritte sie empfiehlt und spricht der Klientin Mut zu.
Nachdem die junge Frau gegangen ist, sagt sie: „Bei dieser Arbeit hört man viel Trauriges – aber auch Schönes.“ Sie könne damit umgehen, wenn Klienten aus ihrem Leben erzählen. Meistens gehe sie mit einem Gefühl der Zufriedenheit nach Hause, da sie ein Stück weit habe helfen können. „Es wird mir umso bewusster, wie gut es einem geht, wenn im Alltag alles ‘normal’ läuft“, so Kosanke.
Weil die Formularhilfe unter dem gleichen Dach wie verschiedene Caritas-Beratungsdienste angesiedelt ist, können die Ehrenamtlichen bei Bedarf schnell und unkompliziert eine Verbindung zu weiteren Hilfsangeboten herstellen. Etwa zur Allgemeinen Lebensberatung, Schwangerenberatung, Wohnraumberatung oder Migrationsberatung.
Entlastung für Fachkräfte – mehr Raum für sozialpädagogische Arbeit
Durch ihre Mitarbeit entlasten sie die sozialpädagogischen Fachkräfte. Diese haben mehr Zeit für ihre Kernaufgaben: Krisen auffangen und gemeinsam mit den Ratsuchenden Lebensperspektiven entwickeln.
Caritas-Mitarbeiter Senft weiß: Jeder ausgefüllte Antrag ist so viel mehr als ein Stück Papier oder ein Online-Formular. Er bedeutet für die Betroffenen konkrete Chancen und Hoffnung: auf ein Zuhause, auf finanzielle Sicherheit, auf Teilhabe und ein Leben in Würde.
(Text: Sabine Schilha)