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Stand: 07.08.2019

Presse Glaube und Leben

Glaube und Leben

Wenn Altern zum Erlebnis wird

Von Michael Prochnow

Dieser Tage wird das Franziskushaus in Urberach/Rödermark fertig. Die neue Caritas-Wohnanlage ist älteren Menschen wie auf den Leib geschnitten. Wer dort wohnen darf, hat allerdings eine ungewöhnliche Verpflichtung.

Eine knallroter Keil ragt dem Besucher von „Orwisch“ entgegen, weist farblich auf die Ampel neben dem Komplex hin. Die auffällig gestrichene Mauer gehört zum Franziskushaus. Orwisch gehört zu Rödermark – die Urberacher nennen ihren Stadtteil auf gut hessisch so. Er ist seit einigen Wochen um eine bauliche Attraktion reicher, Bewohner und Gäste um einen Treffpunkt.
Die in Stein umgesetzte Idee des Caritasverbands Offenbach fördert Gemeinschaft auf ganz neuen Pfaden. „Jeder Bewohner verpflichtet sich mit dem Mietvertrag, pro Monat vier Stunden sozialen Dienst zu leisten“, erläutert Ute Kern-Müller vom Caritasverband Offenbach und Ansprechpartnerin für das Projekt. Sie hat ein paar Beispiele: „Zur Skatrunde einladen, einen Spiele-Nachmittag organisieren, Kochrezepte ausprobieren.“ Auch ein Literaturkreis könnte entstehen oder Vorträge veranstaltet werden. „Eine Mieterin wird einen Englischkurs für Senioren anbieten“, sagt sie. Dazu sind auch Gäste willkommen – so werde „Älter werden im Quartier“ zum Erlebnis.

Rückzug für Partner von Kranken im Haus ist möglich

Zwei Abteilungen im Ost-Trakt sind für acht und fünf Personen vorgesehen, die nicht mehr selbstbestimmt leben können, an Demenz erkrankt sind. Die Einzelzimmer gruppieren sich um einen Saal und eine Küche. Fachkräfte betreuen die hilfsbedürftigen Nachbarn. Das Haus bietet den Charme, dass ein gesunder Partner den kranken im Alltag begleiten, sich aber auch in sein Apartment zurückziehen kann.
In diesen Tagen wuseln Handwerker zwischen Waschbecken unter Plastikfolie und Briefkästen ohne Namen. Die Organisatorin aus Offenbach ist auf der Suche nach Klebeband. Sie hat gerade einen Zettel geschrieben, der die Telefoninstallateure in die richtige Wohnung lotsen soll.
Heinz Weber lässt den Blick über die blanke Erde vor den Terrassen schweifen. „Da wird ein Kräutergarten angelegt, um den sich auch Bewohner kümmern werden“, deutet er über eine braune Matschlandschaft. Vor zehn Jahren hat der ehrenamtliche Seniorenbeirat in der Caritas einen Workshop formiert und Ideen für die Gestaltung des Franziskushauses gesammelt. In Ute Kern-Müller hat er eine qualifizierte Mitstreiterin gewonnen, die bereits seit 2000 das Vorhaben eines gemeinschaftlichen Wohnens verfolgt. Beide wurden nicht müde, bis die Finanzierung gesichert und der Bauantrag genehmigt war.
Zuschüsse erhielt die Caritas vom Deutschen Hilfswerk und von der Glücksspirale. Die Stadt Rödermark beteiligt sich mit 800 000 Euro an dem 7,2-Millionen-Euro-Projekt. Dafür kann sie 17 der 40 Einheiten belegen. Der Preis beträgt dort 8,78 Euro pro Quadratmeter, bei den frei vermieteten 10,94 Euro, jeweils zuzüglich 3,09 Euro Nebenkosten.

Selbst die Dusche ist ohne Schwelle

Die sozial geförderten Zwei-Zimmer-Wohnungen messen zwischen 47 und 62 Quadratmeter, die anderen zwischen 51 und 70. Die vier Varianten mit drei Zimmern sind etwa 80 Quadratmeter groß. Dazu gehört jeweils ein Balkon oder eine Terrasse. Die Wohnungen sind rollstuhlfreundlich ausgestattet, selbst die Dusche ist ohne Schwelle zugänglich. Ein Aufzug ist selbstverständlich, geheizt wird ganz modern mit Pellets. Wer möchte, kann sich einen Hausnotruf einrichten lassen, die physiotherapeutische Praxis im Haus oder den Rat der Caritas-Sozialstation gegenüber nutzen.
Wichtig ist den Ideengebern auch der Standort: Einkaufsmärkte liegen auf der anderen Straßenseite, Ärzte, Apotheken, Schwimmbad, Fitnessstudio, Grünanlage und die Kirchen befinden sich in der Nachbarschaft.
Nach 14 Monaten Bauzeit wird nun alle zwei Tage eine Wohnung bezogen. Ute Kern-Müller hat die Ankunft logistisch geplant, weil nur ein Möbelwagen vor dem Eingang entladen werden kann. Nur noch eine Ein- und eine Drei-Zimmer-Wohnung sind frei, berichtet sie. Vergeben werden die Räume aber nur an Senioren aus dem Ort – oder an solche, deren Familie dort lebt, in „Orwisch“.

 

Artikel aus der Kirchenzeitung des Bistums Mainz, Ausgabe vom 29. März 2015 Nr. 13