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Stand: 07.08.2019

Pressemitteilung

Sucht als schweres Erbe

Person mit einem Glas in der Hand

 Kinder suchtkranker und psychisch kranker Eltern haben statt einer unbeschwerten Jugend schon früh große Belastungen zu tragen und selbst ein erhöhtes Risiko, süchtig oder psychisch krank zu werden. Um solche Kinder zu unterstützen, baut die Caritas Offenbach zurzeit ein neues Angebot auf.

Es sollen zwei Gruppen entstehen – eine für betroffene Kinder zwischen sechs und neun, eine für Kinder zwischen zehn und 13 Jahren – in denen sie Austausch, Wertschätzung und Entlastung erfahren können.

Für Jugendliche soll es ein Einzelgesprächsangebot geben. Bei dem Projekt arbeitet die Caritas mit der Suchthilfeberatungsstelle Wildhof, dem Kinderschutzbund und der städtischen Erziehungsberatung zusammen, wie Anette Bacher, Leiterin des Caritashauses St. Josef, bei der Vorstellung des Projekts am Donnerstag sagte.

Nach „intensiver Vorbereitung“ und Kooperation mit Trägern solcher Angebote in anderen Städten werden die Sozialpädagoginnen Birgit Fleck und Elke Schneider die Gruppen leiten, kündigte Bacher an. Die Finanzierung des Projekts, das über drei Jahre laufen, circa 40 Kinder erreichen und rund 250 000 Euro kosten soll, übernehme zu großen Teilen die Aktion Mensch, ergänzte Bernd Bleines, Direktor der Caritas Offenbach.

Zahlen und Adressen

In Deutschland sind rund 2,6 Millionen Kinder von einer Alkoholabhängigkeit der Eltern oder eines Elternteils betroffen. In Hessen sind es rund 220 000. 40 000 Kinder bundesweit haben drogenabhängige Eltern. Etwa drei Millionen Kinder haben in Deutschland mindestens einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist.

Für Offenbach liegen keine Zahlen vor, aber da man davon ausgeht, dass jedes sechste Kind betroffen ist, kommt man laut Caritas rechnerisch auf mehr als 3000 Kinder in der Stadt.

Beratung gibt es bei: Caritas, Telefon 069 / 80 06 42 30. Stadt Offenbach, Jugendamt, Telefon 069 / 80 65 24 90. Suchtberatung bei Wildhof e. V. Telefon 069 / 981 95 30.

„Suchterkrankungen können sich über Generationen hinziehen“, sagte Mechthild Rau von Wildhof. Es sei daher wichtig, die Kinder möglichst früh zu erreichen und auch die Eltern zu unterstützen. „Solche Familien sind schwer zu erreichen; die Angst vor Akteuren, die von außen in die Familien eingreifen, ist groß“, sprach Rau die Schwierigkeiten an, vor der die Helfer stehen.

„Suchterkrankungen sind tabuisiert, Scham und Verleugnung spielen eine große Rolle“, ergänzte Birgit Fleck. Doch ohne die Eltern geht es nicht: „Für die Gruppen brauchen die Kinder eine Einverständniserklärung“, legte Fleck dar. Und nicht nur das: Auch die Eltern sollen möglichst stabilisiert werden, über die Erziehungs- oder die Suchtberatung könne man sie erreichen.

Hier kommt insbesondere die Suchtberatungsstelle Wildhof ins Spiel: „Ist eine gute Beziehung vorhanden, kann die Suchtberatung eine Brücke für das Gruppenangebot sein“, sagt Mechthild Rau. Man dürfe nicht vergessen: „Die Kinder lieben ihre Eltern und die Eltern ihre Kinder, und sie wollen zusammenbleiben.“ Bernd Bleines betont: „Auch Suchtkranke wollen gute Eltern sein.“

In den Gruppen sollten die Kinder dann die Möglichkeit haben zu spielen, es solle Bewegungs- und kreative Angebote geben, erläuterte Fleck. Die Gruppen sollten einmal wöchentlich für anderthalb Stunden zusammenkommen; auch ein Hol- und Bringdienst solle eingerichtet werden.

Schuld von den Kindern nehmen

„Die Kinder sind oft vereinsamt“, fuhr Fleck fort. Es sei wichtig, dass ihnen jemand vermittle: „Du bist nicht schuld“ und „Du darfst dein eigenes Leben leben“. Sowohl bei sucht- wie auch bei psychisch kranken Eltern erführen die Kinder keine Verlässlichkeit, Geborgenheit oder vertraute Abläufe. Die Kinder fühlten sich verantwortlich und nähmen selbst die Elternrolle ein.

Alkoholerkrankungen spielten dabei die größte Rolle, sagte Mechthild Rau. „In diesen Familien leben die meisten Kinder – bei illegalen Drogen sind sie oft aus der Familie herausgenommen.“ Bei den psychischen Erkrankungen stehen laut Birgit Fleck Depressionen, Angst- und Borderlinestörungen an vorderster Stelle.

Zu den Faktoren, die Kinder davor schützten, selbst zu erkranken, gehören laut Fleck Erwachsene, zu denen sie Vertrauen haben, sowie bestärkende Erlebnisse in Schule und bei Freizeitmöglichkeiten. Hier wird auch die Arbeit des Netzwerk ansetzen; so wollen die Akteure sich an Schulen und Kitas wenden, „wo viele dieser Vertrauenspersonen sitzen“, sagt Fleck. Bei einer Auftaktveranstaltung für Fachleute am 29. April soll das Projekt Fahrt aufnehmen. Die Gruppen starten, wenn drei Kinder pro Gruppe zusammengekommen sind – „wir rechnen für Mai oder Juni damit“, sagte Anette Bacher.

Von Andrea-Maria Streb