URL: www.caritas-offenbach.de/presse/10-jahre-praeventionsprojekt-streit--kri
Stand: 31.10.2018

Pressemitteilung

10 Jahre Präventionsprojekt »Streit – Krise – Gewalt«

Das Beratungsprojekt »Streit – Krise – Gewalt« wurde zusammen mit dem Frauenbüro der Stadt Offenbach initiiert und versteht sich als ein wichtiger Bestandteil der Gewaltpräventionsarbeit in der Stadt Offenbach. Denn: Täterberatung ist Opferschutz. Es richtet sich vor allem an Männer, die häusliche Gewalt gegen die Partnerin oder auch gegen im Haushalt lebende Kinder ausüben und dient insbesondere der Wiederholungsprophylaxe. Die Beratung zielt darauf, dass die Gewaltausübenden sich mit ihrem gewalttätigen Verhalten auseinandersetzen, dessen Ursachen begreifen und die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Darüber hinaus werden die Männer darin unterstützt, sich gewaltfreie und deeskalierende Konfliktlösungs- oder auch Erziehungsstrategien anzueignen, um die Perspektive der Partnerin und gegebenenfalls die der Kinder einnehmen zu können.

Seit Bestehen des Beratungsangebotes »Streit – Krise – Gewalt« wurden in ca. 300 Fällen von häuslicher Gewalt etwa 400 Personen beraten. In ungefähr ¾ der Fälle waren Kinder direkt oder indirekt von häuslicher Gewalt betroffen.

Das Beratungsprojekt dient deshalb auch ganz wesentlich dem Kinderschutz. Neben den bekannten Folgen von häuslicher Gewalt gegen Kinder belegen inzwischen mehrere Studien (1), dass Kinder auch dann erheblichen Belastungen ausgesetzt sind, wenn sie nicht direkt von elterlicher Gewalt betroffen sind, sondern Partnerschaftsgewalt zwischen den Eltern bzw. zwischen einem Elternteil und dessen Partner miterleben müssen. Das kann sich in posttraumatischen Belastungsstörungen und einzelnen Belastungsreaktionen zeigen bis hin zu Beeinträchtigungen der sozial-emotionalen und kognitiven Entwicklung des betroffenen Kindes.

Von den Gewalt ausübenden Männern haben sich etwa 30 Prozent aus eigener Initiative an die Beratungsstelle gewandt, die anderen kamen auf Empfehlung des Gerichts, des Jugendamtes, der Polizei oder ihres Anwalts, sofern die Gewalttaten bereits justiziabel waren. Kam es zu einem Erstgespräch, konnte im Schnitt in 75 Prozent der Fälle die Beratung ordentlich, also einvernehmlich, abgeschlossen werden. Damit liegt die Abbruchquote mit 25 Prozent in einem vergleichsweise niedrigen Bereich.

Laut einer repräsentativen Studie (2) kehren über 90 Prozent der von Gewalt betroffenen Frauen nach einem Flucht- oder Trennungsversuch zunächst zum gewaltausübenden Partner zurück. Von Anfang an gehört es zum Konzept des Projekts, dass Frauen als Opfer partnerschaftlicher Gewalt stellenweise in den Beratungsprozess mit dem Mann einbezogen werden können – sofern bestimmte Voraussetzungen gegeben sind und die betroffenen Frauen dies wünschen.

Das Beratungsangebot wurde im Laufe der Jahre auch erweitert: Bei einem Teil der von Gewalt betroffenen Paare erleben sich die Partner in gleicher Weise als Opfer und Täter. In eskalierenden Konfliktsituationen ist bei solchen Paaren eine Zuschreibung in Täter / Opfer nicht passend, man spricht hier von »situativer Paargewalt«. Gewalt wird von beiden Partnern ausgeübt und entwickelt sich aus einer dysfunktionalen Paardynamik heraus. Auch solche Paare melden sich bei der Beratung mit dem Wunsch, ihre Paarbeziehung gewaltfrei fortzusetzen. Wichtig ist hier zum Beispiel, dass Gewalt als Mittel der Konfliktlösung geächtet wird: wer schlägt hat Unrecht. Diese Paare leiden unter ihrer Form der Konfliktlösung und wünschen sich, wenn sie in die Beratung kommen, gewaltfreie Konfliktlösungen. Mitunter werden diese Paare auch weiter motiviert, nach neuen Wegen der Konfliktlösung zu suchen, wenn sie darüber aufgeklärt werden, welche negativen Folgen das Erleben von häuslicher Gewalt zwischen den Eltern für ihre Kinder hat.

Unbestritten ist, dass Frauen im weit größeren Maße als Männer Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt ihrer Partner sind. Dennoch zeigen mehrere Dunkelfelduntersuchungen, dass der Opferanteil der Männer bei häuslicher Gewalt nicht zu vernachlässigen ist. Da es für diese Gruppe bisher kein eigenständiges Unterstützungsangebot in der Stadt Offenbach gibt und sich im Laufe der Jahre vereinzelt Männer, die Opfer von Gewalt ihrer Partnerin geworden sind, in der Beratung angemeldet haben, wurde das Beratungsangebot für diese Zielgruppe erweitert. Eine weitere Gruppe, die nicht die eigentliche Zielgruppe des Angebotes darstellte, aber dennoch vereinzelt im Projekt auftaucht, ist die der (alleinerziehenden) Mütter, die Angriffe ihrer heranwachsenden Kinder erleiden müssen. Auch diesen Personen bieten die Berater Hilfe an und nehmen sie in ihrer Not sehr ernst.

Die Akzeptanz von »Streit – Krise – Gewalt« konnte in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich ausgebaut werden, dies zeigt sich in den stabilen und leicht steigenden Anmeldungen. Dies ist vor allem der Unterstützung durch die Stadt und dem Frauenbüro, der Einbindung des Projekts in den »Arbeitskreis gegen häusliche und sexuelle Gewalt Offenbach« und der großen Kooperationsbereitschaft von Jugendamt und Gericht zu verdanken.

Das Beratungsangebot wird von der Stadt Offenbach aus kommunalisierten Landesmitteln gesondert gefördert. Das macht es möglich, die Beratung für die Ratsuchenden kostenfrei anzubieten. Das Angebot ist an die Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und Paare des Caritasverbandes Offenbach angegliedert und wird von zwei Beratern angeboten. Die Beratung ist in der Regel auf acht bis zehn Sitzungen angelegt.

Interessenten können sich melden unter:

Caritashaus St. Josef
»Streit – Krise – Gewalt«
Beratung bei Streit und Eskalation in Partnerschaft und Familie
Platz der Deutschen Einheit 7
63065 Offenbach
Tel.: 069 / 80064-230
caritashaus-st.josef@cv-offenbach.de

(1) Zur Übersicht siehe Kindler, H. (2013): Partnergewalt und Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung: Ein aktualisierter Forschungsüberblick. In: B. Kavemann / U. Kreyssig (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden: Springer VS, 27–46.
(2) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland.